Scandinavian Jazz Trio – Bossa Beguine
VINYL-CHECK

Scandinavian Jazz Trio – Bossa Beguine

S. Deutsch September 22, 2026 9 Minuten zu lesen

DREI NORDLÄNDER AUF ENGSTEM RAUM

Unter der Katalognummer VHJD-358 bringt Venus Records das Debütalbum des Scandinavian Jazz Trio heraus, und wer dem Flügel in der Titelnummer folgt, hört eine Bühne, die ihm mehr Raum zugesteht, als der Musik am Ende guttut: links die hohen, rechts die tiefen Register, über die gesamte Breite gezogen. Ob sich diese Aufteilung als eine souveräne Setzung des Toningenieurs erweist oder als ein Zugeständnis an die Optik des Panoramas, entscheidet sich erst im Hörraum, denn eine derart offen gelegte Bühne verrät entweder ein sicheres Ohr oder ein zögerliches, und beides klingt in den ersten Takten noch gleich überzeugend.

Dass ein schwedischer, ein norwegischer und ein dänischer Musiker erstmals gemeinsam unter diesem Trionamen auftreten, weckt ohnehin Erwartungen, und dass ihr Label sich seit über drei Jahrzehnten der eigenen Vorstellung analoger Klangtreue verschrieben hat, schärft sie zusätzlich. Wer sich auf eine Aufnahme aus dem Hause Tetsuo Haras einlässt, erwartet Zurückhaltung im Dienst der Musik und nicht ihre Verstellung zu einem Effekt der eigenen Handschrift. An diesem Maßstab muss sich diese Pressung messen lassen.

  • Künstler / Album: Scandinavian Jazz Trio – Bossa Beguine
  • Label: Venus Records (Venus Masterpiece LP Collection)
  • Katalognummer: VHJD-358
  • Aufnahme: 16. und 17. September 2022, Yardhouse Studio, Stockholm (Angabe des Labels)
  • Erscheinungsjahr Original: 2023 (CD, 25. Januar 2023)
  • Erscheinungsjahr diese Pressung: 25. März 2026
  • Presswerk: nicht bekannt (laut Vertrieb Pressung in Japan)
  • Produzent: Tetsuo Hara
  • Mixing: Tetsuo Hara
  • Mastering: Tetsuo Hara (Venus Hyper Magnum Sound)
  • Vinylgewicht: 180 g
  • Format: Doppel-LP, Gatefold-Cover mit Obi-Streifen
  • UVP: 89 €

Drei etablierte Stimmen der skandinavischen Szene finden sich hier zum ersten Mal unter einem gemeinsamen Namen zusammen: der Norweger Magne Arnesen am Klavier, der Schwede Hans Backenroth am Kontrabass und der Däne Kristian Leth am Schlagzeug. Backenroth bringt dabei das Gewicht einer Karriere mit, die kaum eine Ecke der schwedischen Jazzszene ausgelassen hat. Am Königlichen Musikkonservatorium in Stockholm ausgebildet, wurde er noch während des Studiums Mitglied der Fredrik-Norén-Band, spielte sich in den folgenden Jahrzehnten an die Seite von Monica Zetterlund, Arne Domnérus und Bernt Rosengren und wird international ebenso von Scott Hamilton wie von Toots Thielemans geschätzt. Wenn Arnesen und Leth sich diesem Erfahrungsschatz anschließen, treffen drei Handschriften aufeinander, die sich erst in dieser Aufnahme zum ersten Mal gemeinsam erproben.

Aufgenommen wurde „Bossa Beguine“ am 16. und 17. September 2022 im Yardhouse Studio in Stockholm, unter der Regie Tetsuo Haras, der das Label seit 1992 von Tokio aus führt, nachdem er zuvor als Produzent für RCA Victor gearbeitet hatte. Seine Produktionen folgen bis heute einem altmodischen Grundsatz: Alle Musiker spielen gleichzeitig im selben Raum, der Stereo-Mix entsteht direkt vor Ort, und die letzte Politur erhält die Aufnahme erst im eigenen Studio in Japan. Das Repertoire des Trios besteht aus Eigeninterpretationen von Kompositionen Oscar Petersons, Thad Jones‘ und Tadd Damerons, vorgetragen in der Haltung der Swing-Tradition, gelegentlich mit einem brasilianischen Einschlag, wie ihn schon der Titel andeutet.

Ursprünglich erschien das Album im Januar 2023 als CD, ehe Venus es nun in die eigene Masterpiece-LP-Reihe aufnimmt und als streng limitierte, mit 33 Umdrehungen geschnittene Doppel-LP aus 180 Gramm schwerem Vinyl herausbringt, in Japan gepresst und im Gatefold-Cover mit Obi-Streifen verpackt. Wie bei den Vinylauflagen des Labels üblich, wird auch diese Pressung nur ein einziges Mal gefertigt und aus dem Katalog genommen, sobald die Auflage verkauft ist, was den Erwerb zu einer Entscheidung mit Verfallsdatum macht. Über das genaue Erscheinungsdatum gehen die Angaben der Vertriebe leicht auseinander, Ende März oder Anfang April 2026, die Auflage selbst bleibt davon unberührt.

Das Cover verdient uneingeschränktes Lob: festes, leicht strukturiertes Papier trägt den Albumnamen in weißer und den Bandnamen in terrakottafarbener Schrift, und im aufgeklappten Gatefold blicken drei Porträts der Musiker dem Betrachter entgegen, während die rechte Seite in japanischer Schrift Auskunft über die Aufnahme gibt, wobei lediglich Titel und Credits zusätzlich ins Englische übertragen wurden. Auf der Rückseite stehen Titelliste und Beteiligte in aller Nüchternheit.

Wer die Platte aus der Hülle nimmt, findet sie in einer gefütterten Innenhülle wieder, bei der die Kunststofffolie als Einleger in einem Papierumschlag mit Daumenaussparung steckt, eine Lösung, die ihren Zweck erfüllt, ohne dass eine bedruckte Innenhülle, wie sie dem Sammler mehr Freude bereitet hätte, zur Verfügung stünde. Booklet und bedruckte Innenhülle fehlen bei dieser Ausgabe leider ganz, und was an Bildmaterial bleibt, beschränkt sich auf die drei Porträts im offenen Gatefold, eine Kargheit, die dem sonst so aufwendig gestalteten Cover nicht gerecht wird. Der Obi-Streifen, jenes schmale Band japanischer Provenienz, rundet die Ausstattung als hübsche Geste ab, ohne die Lücken der übrigen Beigaben zu schließen.

Das Material selbst erweist sich als solide gepresst und makellos sauber: Nebengeräusche sucht man vergeblich, und auch das Mittelloch sitzt exakt in seiner vorgesehenen Größe und Zentrierung, sodass der Tonarm keinen Anlass zur Klage findet. Eine leichte Schüssel im Vinyl bleibt der einzige Vorbehalt bei der Planlage, spürbar beim Auflegen, ohne dass sie sich im Klangbild bemerkbar machte. Deutlicher fällt der Befund an den Kanten der Platte aus, die sich rau und merklich scharfkantig anfühlen, ein Detail, das dem Kenner beim Griff zur Platte auffällt und das bei einer Pressung dieses Anspruchs nicht hätte sein müssen.

Gehört wurde diese Pressung an den DEUTSCH-Acoustics-Schallwänden aus dem eigenen Haus, an der analogen Kette um Dr. Feickert Analogue und Dynavector im VINYL-CHECK Hörraum. Jedes der zwölf Stücke, von der Titelnummer über „My Little Cello“ bis zu „Trubbel“, teilt denselben Zugang: Die Rhythmen bleiben zugänglich und tragen den Hörer mühelos durch die gesamte Seite, ein Befund, der sich über das ganze Album gleich einstellt und keiner einzelnen Nummer vorbehalten bleibt.

Am überzeugendsten gelingt die Auflösung: Keine Überlagerung verschluckt ein Detail, das Klavier bleibt in jedem Anschlag durchhörbar, und die Feinzeichnung der Becken lässt sich bis in ihre letzten Schwingungen verfolgen. Der Bass folgt mit guter Kontrolle und ordentlichem Tiefgang, trocken genug, um sich nicht in die Breite zu verlieren, und der Mittelton trägt das Klavier, das mangels Gesang die zentrale Stimme des Trios bildet, in einer Klangfarbe, die sich angenehm dunkel und nie hart zeigt. Auch der Hochton überzeugt: Die Obertöne von Schlagzeug und Becken zeichnen sich detailliert ab, ohne in die Nervosität zu kippen, die vielen Aufnahmen dieser Kategorie anhaftet.

Zwei Einschränkungen bleiben davon unberührt. Die Dynamik wirkt zurückgenommener, als es der Musik entspräche, mit weniger Kompression hätte sie mehr Luft zum Atmen der Phrasen gewonnen. Und die Tonalität neigt zu einer Basslastigkeit, die dem Klavier einen Hauch seiner Leichtigkeit nimmt.

Die Bühne selbst gibt Anlass zur deutlichsten Kritik. In der Mitte steht der Bass und hält seine Position mit ruhiger Verlässlichkeit. Das Schlagzeug schlägt von halb links bis halb rechts, konzentriert sich in der Hauptsache aber auf die Mitte und drängt sich damit spürbar an den Bass heran. Der Flügel schließlich zieht sich über die gesamte Breite, die hohen Töne links, die tiefen rechts, eine Aufteilung, die zwar kühn wirkt, den drei Instrumenten aber die Distanz nimmt, die ihnen zugestanden hätte: Das Klavier hätte, wie es sich bei dieser Besetzung angeboten hätte, von links bis zur Mitte reichen können, das Schlagzeug von der Mitte bis rechts, und der Bass mittig dazwischen, sodass jedes Instrument seinen eigenen Platz behalten hätte. So aber liegen die Klangquellen übereinander, wo sie sich hätten ausbreiten können, und dieser eine Entschluss der Aufnahmeregie bleibt der Grund, warum ein sonst gefälliger, an Bass, Mitten und Höhen gleichermaßen reifer Klang seine Spitzenklasse verfehlt.

Das Trio bewegt sich mit dieser Werkauswahl im Kernbestand der Swing-Tradition, wenn es sich Oscar Peterson, Thad Jones und Tadd Dameron vornimmt, und öffnet sich gelegentlich, dem Titel entsprechend, dem brasilianischen Rhythmus, ohne die orthodoxe Grundhaltung des klassischen Klaviertrios zu verlassen. Für ein Debüt fällt auf, wie geschlossen die drei Musiker bereits agieren, was sich eher der Erfahrung jedes Einzelnen als einer langen gemeinsamen Geschichte verdankt. In das Portfolio von Venus Records, das sich seit jeher dem Klang der frühen sechziger Jahre verpflichtet fühlt, fügt sich diese Aufnahme mühelos ein.

Die Ausstattung zerfällt in ein starkes und ein schwaches Lager: Das Cover erfüllt jeden Anspruch, den man an eine solche Pressung stellen darf, während Innenhülle, Booklet und Fotomaterial hinter dieser Sorgfalt zurückbleiben und dem Sammler wenig zum Verweilen lassen. Das Material hingegen überzeugt fast durchweg, Sauberkeit, Mittelloch und Nebengeräusche verdienen ausnahmslos Bestnoten, die leichte Schüssel bleibt ein Randbefund, und einzig die rauen, scharfkantigen Ränder trüben das sonst tadellose Bild.

Beim Klang liegt das eigentliche Gewicht dieser Besprechung, und dort zeigt sich ein Trio, das handwerklich und musikalisch überzeugt, ohne in jeder Kategorie die Höchstnote zu erreichen. Auflösung, Bass, Mitten und Höhen tragen das Album souverän, während Dynamik und Tonalität kleinere, klar benennbare Abstriche verlangen. Am schwersten wiegt die Bühne, deren Aufteilung den drei Musikern die Distanz nimmt, die ihre Musik verdient hätte, und die diese Pressung von der Referenzklasse trennt, die ihr Label ihr sonst verspricht.

Wer sich für den swingenden, klar disponierten Klaviertrio-Jazz dieser drei Musiker begeistert und über eine Bühnenaufteilung hinweghören kann, die mehr Mut als Maß zeigt, findet in dieser Pressung ein technisch solides, klanglich reifes Album, dessen Ausstattung freilich schlanker ausfällt, als der Preis vermuten lässt. Wer dagegen eine lehrbuchhafte Ortbarkeit jeder Klangquelle erwartet, sollte wissen, dass der Flügel sich hier die Bühne nimmt, die eigentlich dem ganzen Trio gehört hätte, und mag deshalb zu einer anderen Neuauflage aus demselben Haus greifen. Ich selbst behalte die Platte im Regal, auch wenn ich beim nächsten Hördurchgang wieder versuchen werde, den Bass dort zu verorten, wo ihn die Aufnahme längst hingestellt hat.