Tsuyoshi Yamamoto Trio – Blues for K
VINYL-CHECK

Tsuyoshi Yamamoto Trio – Blues for K

S. Deutsch September 20, 2026 11 Minuten zu lesen

VIER SEITEN FÜR EINEN NAMEN

Vier Plattenseiten bei fünfundvierzig Umdrehungen tragen bei dieser Neuauflage nichts als einen einzigen Buchstaben: das K im Titel, dem das italienische Label AudioNautes Recordings unter der Katalognummer AN-2407 ein goldgeprägtes, buchartiges Hardcover widmet, als gälte es, einen Namen zu rechtfertigen, den kaum ein Käufer auf Anhieb entziffert. Wer hinter diesem K nur eine hübsche Marketingidee vermutet, hat die Rechnung ohne Yoshihiko Kannari gemacht, den Toningenieur, dem Tsuyoshi Yamamoto sein Trio im Juni 2022 noch einmal anvertraute und der über Jahrzehnte den Klang des japanischen Labels Three Blind Mice mitgeprägt hat. Ob eine Pressung, die derart viel Aufwand in einen einzigen Buchstaben steckt, diesem Anspruch auch im Rillenverlauf gerecht wird, entscheidet sich erst dort, wo Nadel und Vinyl aufeinandertreffen.

– Künstler / Album: Tsuyoshi Yamamoto Trio – Blues for K
– Label: AudioNautes Recordings (Originalausgabe: Somethin’ Cool, Japan)
– Katalognummer: AN-2407
– Aufnahme: 20. Juni 2022, Studio Lion, Nasu, Tochigi
– Besetzung: Tsuyoshi Yamamoto (Klavier), Hiroshi Kagawa (Bass), Hisao Osumi (Schlagzeug)
– Erscheinungsjahr Original: 2022
– Erscheinungsjahr diese Pressung: 2025
– Presswerk: Optimal Media, Deutschland
– Produzent: Fabio Camorani
– Mixing: Yoshihiko Kannari
– Mastering: Scott Hull, Masterdisk (auch Lackschnitt)
– Vinylgewicht: 180 g
– Format: Doppel-LP, 45 U/min, One-Step-Verfahren, Stereo, limitiert und nummeriert, Hardcover-Buch mit Schuber
– Auflage: 1.389 Exemplare, mein Exemplar trägt die Nummer 0098
– UVP: nicht bekannt

Tsuyoshi Yamamoto kam am 23. März 1948 auf der Insel Sado in der Präfektur Niigata zur Welt und brachte sich das Klavierspiel größtenteils selbst bei, ehe ihn ausgerechnet ein französischer Kinosoundtrack zum Jazz führte: Die Musik von Art Blakey and the Jazz Messengers zu „Les Liaisons Dangereuses“ aus dem Jahr 1959 entschied früh, wohin sein Weg gehen sollte. Er studierte an der Nihon University, begleitete ab 1967 den Sänger und Schauspieler Micky Curtis auf einer Europatournee und wurde 1974 Hauspianist des Tokioter Jazzclubs „Misty“. Im selben Jahr nahm er sein Debütalbum „Midnight Sugar“ für das Label Three Blind Mice auf, gemeinsam mit dem Bassisten Isao Fukui und dem Schlagzeuger Tetsujiro Obara, und die Fachzeitschrift Swing Journal zeichnete die Produktion noch im Erscheinungsjahr sowohl als beste Aufnahme als auch mit dem Jazz Disc Award aus.

Three Blind Mice, 1970 von Takeshi „Tee“ Fujii mit dem Ziel gegründet, Japans Antwort auf Blue Note zu werden, verließ sich auf ein festes Gespann aus Fujii, dem Toningenieur Yoshihiko Kannari und dem Artdirector Ben Nishizawa, und Yamamoto avancierte neben dem Bassisten Isao Suzuki zu dessen zweitem großen Namen. Als Yamamoto 1974 sein Album „Blues For Tee“ dem verstorbenen Fujii widmete, legte er den Grundstein für eine Geste, die er 2022 wiederholte: „Blues for K“ gilt Kannari, mit dem Yamamoto in den siebziger Jahren einen Großteil jener Aufnahmen einspielte, die den TBM-Klang bis heute definieren. Für die Reunion-Session, aufgenommen am 20. Juni 2022 in Kannaris eigenem Studio Lion in Nasu, Präfektur Tochigi, kehrten beide nach Jahrzehnten in denselben Regieraum zurück, diesmal mit dem Bassisten Hiroshi Kagawa und dem Schlagzeuger Hisao Osumi an ihrer Seite. Ursprünglich erschien das Album 2022 beim japanischen Label Somethin’ Cool, auf CD wie auf zwei getrennten LPs.

Für diese Fassung griff das italienische Label AudioNautes Recordings, geführt von Fabio Camorani, beide ursprünglichen LPs in einem einzigen Paket auf und ließ sie als Doppel-LP im One-Step-Verfahren bei 45 Umdrehungen schneiden, gepresst bei Optimal in Deutschland. AudioNautes, das sich in den vergangenen Jahren mit sorgfältig dokumentierten Wiederveröffentlichungen von Aufnahmen wie „Jazz at the Pawnshop“ oder Arne Domnérus’ „Antiphone Blues“ einen Namen gemacht hat, arbeitet nach eigener Aussage grundsätzlich von den Originalbändern und meidet bereits vorab abgemischte Zwischenstufen. Die Auflage trägt eine fortlaufende Nummer auf dem Cover, die genaue Stückzahl für diese Ausgabe ist 1389. Wer sich das Set zulegen möchte, muss je nach Händler und Land mit einem Preis von etwa 120 Euro aufwärts rechnen.

Wer dieses Album zum ersten Mal in die Hand nimmt, hält zunächst kein Cover, sondern ein Buch: Mattes, goldgeprägter Karton umschließt beide Schallplatten wie Buchdeckel ihre Seiten, und wer es öffnet, findet an Anfang und Ende je einen eigenen Schuber, in dem die Scheiben ruhen, während gefütterte Innenhüllen sie vor jeder Berührung mit rauem Karton schützen. Das Booklet ist dabei fest in dieses Buch eingebunden und zu dessen eigenen Seiten geworden, dicht bedruckt mit Angaben zur Band, zur Aufnahmesituation in Kannaris Studio Lion und zu so ziemlich jedem Gerät, das an jenem Junitag 2022 zum Einsatz kam, von den Mikrofonen über das Mischpult bis zur Schneidmaschine. Dazu treten Fotografien von Band, Studio und Instrumenten, die dem Blatt Papier ein Gesicht geben, das viele Neuauflagen ihren Käufern schuldig bleiben. Eine bedruckte Innenhülle allerdings liegt dieser Ausgabe nicht bei, und angesichts des übrigen Aufwands fällt dieser einzelne Verzicht kaum ins Gewicht.

Auf dem Teller liegt die Platte weitgehend eben, mit einem minimalen Höhenschlag, der sich erst beim genauen Hinsehen zeigt und dem Klang später nichts in den Weg legt. Ein Waschgang vor dem ersten Abspielen ist bei dieser Sauberkeit nicht zwingend nötig, doch angeraten bleibt er allemal, denn wer sein Vinyl grundsätzlich reinigt, ehe die Nadel zum ersten Mal aufsetzt, gewinnt bei dieser Pressung noch die letzte Reserve an Stille hinzu. Die Kanten selbst könnten runder ausfallen, ohne dass sie beim Auflegen unangenehm auffallen, und auch das Mittelloch sitzt eine Idee zu groß bemessen und um ein Winziges neben der exakten Mitte, was der Tonarm mit einer kaum merklichen Korrekturbewegung ausgleicht, die kein Ohr registriert. Nebengeräusche treten nur äußerst vereinzelt auf, ein einzelner Klick und, auf Seite D, ein leises Rillengeräusch in der Einlaufrille, das verklingt, ehe die Musik überhaupt einsetzt. Insgesamt gelingt AudioNautes damit ein solides, wenn auch kein makelloses Stück Pressungshandwerk, dessen kleine Abweichungen der Musik zu keinem Zeitpunkt etwas nehmen.

Was dieses Album im Innersten zusammenhält, ist eine Präzision, die nie in Kälte umschlägt. Vom ersten Anschlag an höre ich, wie sauber die Pressung jedes Detail auflöst, ohne dass sich ein Klavierton mit dem nachklingenden Becken vermischt oder eine gezupfte Basssaite sich im umgebenden Raum verliert. Diese Klarheit erlaubt es der Dynamik, sich in voller Bandbreite zu entfalten: Der Anschlag des Flügels reicht von einem Hauch bis zum vollen Gewicht der Hand, der Bass wechselt zwischen gezupftem Nachdruck und gestrichener Weichheit, und das Schlagzeug lässt jedes Becken lange genug ausklingen, dass man dem Ton beim Verschwinden zusehen kann. Selbst der Besen, der über das Fell der Snare streicht, bleibt als einzelne, feine Bewegung hörbar, und wo ein Akzent gesetzt wird, kommt er unvermittelt, nie angekündigt. Dass sich dieses Bild über das gesamte Programm durchhält, wiegt besonders schwer, denn zwischen ruhigen Balladen wie „Misty“ und bluesigeren Nummern wie dem titelgebenden Stück oder „Blues in the Closet“ liegt ein beträchtlicher dynamischer Abstand: Wo die Balladen im Pianissimo verharren, gewinnt das Schlagzeug in den treibenderen Themen an Kontur, ohne dass der Bass an Boden verliert oder der Flügel seine Zeichnung einbüßt.

Auflösung und Dynamik gehen bei dieser Pressung für mich Hand in Hand. Jedes noch so leise Pianissimo des Flügels bleibt greifbar, ohne im Grundrauschen der Platte unterzugehen, und wenn Yamamoto sein Spiel in ruhigeren Passagen fast bis zur Stille zurücknimmt, bleibt trotzdem jede einzelne angeschlagene Taste als eigener, klar konturierter Impuls hörbar. Ein Rubato, das sich der Pianist hier und da erlaubt, dehnt die Zeit, ohne dass Bass und Schlagzeug je den Faden verlieren, und diese kleine Freiheit hörbar zu machen, ohne sie zu verwischen, gehört zu den schwierigeren Aufgaben, die eine Pressung zu lösen hat. Auch im leisesten Ausklingen einer Phrase bleibt die Trennschärfe erhalten: Man hört, wo ein Ton endet und der nächste beginnt, selbst wenn beide nur durch einen Hauch getrennt sind, und diese Fähigkeit, feinste Übergänge nicht zu verschleifen, unterscheidet eine sehr gute Pressung von einer, die sich mit gutem Klang begnügt.

Räumlich verteilt sich das Trio vor mir mit einer Genauigkeit, die sich beschreiben lässt wie eine Bühne, über die der Blick wandert. In der Mitte steht der Bass, fest verwurzelt, und trägt das Fundament, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Der Flügel wendet sich dem Hörer zu und breitet sich über die linke Bühnenhälfte aus, die hohen Lagen ganz außen links, die tiefen Register bis zur Mitte hinüber. Rechts davon nimmt das Schlagzeug den Raum von der Mitte bis fast an den rechten Rand ein, ebenfalls dem Hörer zugewandt. Das Hi-Hat markiert dabei den äußersten rechten Punkt. Die Snare liegt eine Idee davor, auf halbrechts. Der Stand-Tom besetzt die Mitte des Kits. Und das Ride-Becken meldet sich von der linken Bühnenhälfte her, nah am Flügel positioniert. Um diese Anordnung herum entsteht ein Raum von auffallender Trockenheit, kein Nachhall verschleiert die Konturen, und gerade darin liegt jener Realismus, der eine Bühnendarstellung erst glaubwürdig macht. Selbst wer den Kopf zwischen den Lautsprechern nur wenige Zentimeter verschiebt, hört, wie sich die einzelnen Positionen neu sortieren, ohne dass eine von ihnen an Festigkeit verliert, und diese Stabilität der Abbildung ist bei einer Doppel-LP, die über vier Seiten hinweg mehrfach die Nadel wechselt, keine Selbstverständlichkeit.

Tonal bleibt die gesamte Bandbreite ausgewogen, kein Register überstrahlt das andere, und gerade in den Passagen, in denen alle drei Musiker gleichzeitig phrasieren, bewahrt die Pressung eine Übersicht, die sich sonst leicht verliert, wenn Klavier, Bass und Schlagzeug um denselben Frequenzraum ringen. Hier zeigt sich, was ein Klaviertrio überhaupt zum Ensemble macht: Jede Stimme bleibt eigenständig hörbar, jede behält ihren Platz, ohne dass eine die andere verdrängt, und genau dieses Gleichgewicht trägt am Ende den Gesamteindruck, der das ganze Kapitel zusammenhält. Was hier so mühelos klingt, verrät gerade in dieser Mühelosigkeit, wie viel Arbeit tatsächlich in ihr steckt und wie sorgfältig diese Pressung sie bewahrt hat.

Innerhalb von Yamamotos Werk markiert „Blues for K“ eine reife Rückkehr zu den eigenen Anfängen: Fast fünfzig Jahre nach „Midnight Sugar“ begegnet der Pianist demselben Klangideal noch einmal, nicht als Debütant, der sich beweisen muss, sondern als Musiker, der weiß, wie viel ein einzelner, klar gesetzter Ton bewirken kann. Das Repertoire aus Standards wie „Misty“ oder „But Not for Me“ und eigenen Bluesthemen setzt bewusst auf Vertrautes, und gerade daran lässt sich messen, wie sehr Zwischentöne, Timing und Anschlag über eine Interpretation entscheiden, wenn die Melodie selbst keine Überraschung mehr bereithält. Dass ausgerechnet Kannari, der Toningenieur hinter dem gesamten TBM-Katalog, diese Session einfängt, schließt einen Kreis, der die japanische Jazzgeschichte seit den siebziger Jahren begleitet: das Versprechen, dass ein kleines Trio im richtigen Raum, mit der richtigen Mikrofonierung, mehr Klangwirklichkeit erzeugen kann als jede große Produktion.

Über die Ausstattung lässt sich am Ende wenig Kritisches sagen: Cover, gefütterte Innenhülle, Booklet und Fotografien erreichen durchweg jenes Niveau, das uneingeschränktes Lob verdient, und der einzige Verzicht dieser Ausstattung, die fehlende bedruckte Innenhülle, wiegt dagegen leicht. Bei der Materialqualität bleibt dagegen jede einzelne Kategorie knapp, aber konsequent hinter der Bestnote zurück: Planlage, Sauberkeit, Kantenrundung und die Zentrierung des Mittellochs zeigen jeweils kleine, klar benennbare Abweichungen, die für sich genommen kaum ins Gewicht fallen, in ihrer Summe aber zeigen, dass hier eine sehr gute, keine tadellose Pressung entstanden ist. Die Klangqualität wiederum verdient über alle sechs geprüften Kategorien hinweg eine Note ohne jede Einschränkung, und Dynamik, Auflösung, Abbildung, Räumlichkeit, Tonalität und Gesamteindruck fügen sich zu einem Bild, das dieser Aufnahme und ihrer Geschichte in jeder Hinsicht gerecht wird. Dass die Materialqualität nicht ganz an diese Bestnote heranreicht, während der Klang sie mühelos erreicht, verschiebt für mich das Gesamtbild spürbar zugunsten dessen, was auf dieser Pressung tatsächlich zu hören ist.

Wer dieses Set kauft, kauft zunächst einen Buchstaben und erst in zweiter Linie zwei Schallplatten, doch nach vier durchgehörten Seiten steht fest, dass beides zusammengehört: Eine Widmung, die sich derart viel Mühe gibt, verdient einen Klang, der ihr standhält, und genau diesen liefert AudioNautes mit einer Konsequenz, die selbst kleine Abstriche beim Material souverän auffängt. Empfehlen kann ich diese Pressung allen, die eine audiophile Trioaufnahme mit ruhigem Timing und einer Bühnenabbildung schätzen, die sich beinahe abtasten lässt, dazu einer Verarbeitung, die ihren Preis für den Moment vergessen lässt. Wem dagegen an makellosem Vinyl mehr liegt als an einer guten Geschichte, dem rate ich, die kleinen Abweichungen beim Material einzukalkulieren, ehe er sich entscheidet. Sollte AudioNautes eines Tages ein „Blues for Rezensenten“ ins Programm nehmen, hat der Verfasser dieser Zeilen bereits einen Buchstaben reserviert.