Roland Kirk – The Inflated Tear
VINYL-CHECK

Roland Kirk – The Inflated Tear

S. Deutsch September 23, 2026 11 Minuten zu lesen

KIRKS HORN IM ZENTRUM, DER RAUM AUF EINEM PUNKT

Diese 180 Gramm schwere Pressung von Speakers Corner, am 15. Mai 2026 erschienen, treibt das Quartett Roland Kirks mit Druck und klarer Kontur nach vorn und lässt die Bühne, auf der es in der Webster Hall stand, weit hinter dem zurück, was das Ohr von einer Stereoplatte erwartet. Ob sich diese Enge der Pressung anlasten lässt oder der Aufnahme selbst, klärt sich erst im Hörraum, denn an einer Platte, die ihr Label rein analog gefertigt nennt, bleibt wenig, hinter dem sich ein Fehler verbergen könnte.

Roland Kirk gilt als einer der einfallsreichsten Multiinstrumentalisten, die der Jazz hervorgebracht hat, und ein Album, auf dem ein einzelner Musiker mehrere Blasinstrumente führt, während drei Begleiter ihm ein Fundament legen, verlangt von einer Pressung Dynamik, Timing und Ortbarkeit in ungewöhnlich hohem Maß. An diesen Eigenschaften entscheidet sich für mich, was an einer Jazzplatte zuerst zählt, und die Erwartung an diese Neuauflage lässt sich entsprechend knapp fassen, denn Kirk soll in der Mitte stehen, und die Rhythmusgruppe soll ihm den Raum lassen, den ein solches Spiel braucht.

Der Postbote überrascht mich mit einem Päckchen, das ich weder bestellt noch angekündigt bekommen habe, und ich packe es freudig aus und lege die Platte sogleich auf, denn als Rezensent kann ich mir kaum einen schöneren Auftakt in den Mittag vorstellen.

  • Künstler / Album: Roland Kirk – The Inflated Tear
  • Label: Speakers Corner Records (Originallabel: Atlantic)
  • Katalognummer: SCR-1502 (Original: Atlantic SD 1502)
  • Aufnahme: 27. und 30. November 1967, Webster Hall, New York City (Aufnahmeleitung: Paul Goodman)
  • Erscheinungsjahr Original: 1968 (14. Juni 1968)
  • Erscheinungsjahr diese Pressung: 2026 (15. Mai 2026)
  • Presswerk: Nicht bekannt
  • Produzent: Joel Dorn
  • Mixing: Nicht bekannt
  • Mastering: Rein analog vom originalen Masterband bis zum Schneidkopf; Mastering-Engineer ist nicht bekannt
  • Vinylgewicht: 180 g
  • Format: LP, 33 1/3 UpM, Standardcover (Single Sleeve)
  • UVP: 35,00 € (Angabe des Vertriebs Sieveking Sound)
  • Besetzung: Roland Kirk (Tenorsaxophon, Manzello, Stritch, Klarinette, Flöte, Pfeife, Englischhorn, Flexafon), Ron Burton (Klavier), Steve Novosel (Bass), Jimmy Hopps (Schlagzeug), Dick Griffith (Posaune, nur bei „Fly by Night“)
  • Seite A: The Black and Crazy Blues, A Laugh for Rory, Many Blessings, Fingers in the Wind
  • Seite B: The Inflated Tear, The Creole Love Call, A Handful of Fives, Fly by Night, Lovellevelliloqui

Ronald Theodore Kirk kam am 7. August 1935 in Columbus, Ohio, zur Welt und erblindete mit zwei Jahren, nach eigener Darstellung infolge einer fehlerhaften medizinischen Behandlung. Er spielte zunächst Signalhorn und Trompete, lernte dann Klarinette und C-Melody-Saxophon und trat mit fünfzehn als Tenorsaxophonist in Rhythm-and-Blues-Bands auf.

Als Jugendlicher stieß er auf Manzello und Stritch, zwei ungewöhnliche Saxophone, von denen das eine eine abgewandelte Form des Saxello ist und das andere ein umgebautes gerades Altsaxophon in Es, und er richtete beide so ein, dass er sie zusammen mit dem Tenor gleichzeitig spielen konnte. Den Vornamen Rahsaan fügte er erst 1970 nach einem Traum hinzu, weshalb dieses Album noch unter Roland Kirk erschien.

Im November 1967 ging Kirk mit seinem Quartett für Atlantic in die Webster Hall in New York, wo Paul Goodman aufnahm und Joel Dorn produzierte, und nur für „Fly by Night“ trat der Posaunist Dick Griffith zur Gruppe hinzu. Als das Album am 14. Juni 1968 erschien, lobten Kritiker, die Kirks Klang zuvor beanstandet hatten, es ausdrücklich, und dass diese Zustimmung bis heute trägt, belegt Pitchfork, das die Platte 2017 auf Rang 170 seiner 200 besten Alben der Sechzigerjahre setzte.

Speakers Corner legt das Album als Neuauflage auf 180 Gramm Vinyl vor und gibt an, dass zwischen dem originalen Masterband und dem Schneidkopf kein digitales Bauteil beteiligt war. Das Label stellt dem sein Motto Pure Analogue voran und beschreibt als Ziel, die Absicht von Musikern und Tonmeistern möglichst getreu auf die Platte zu bringen, wobei es einen eigenen Klangcharakter ausdrücklich ausschließt. Für ein Album, das Ende 1967 auf Band festgehalten wurde, ergibt das eine Ausgangslage, die der Pressung keine Ausrede lässt, denn wo weder digitale Bearbeitung noch eine eigene Klangfärbung im Spiel ist, muss sie sich allein an den Bändern messen lassen.

Die Ausstattung dieser Neuauflage fällt sehr sparsam aus, und was sie an Gelungenem bietet, verteilt sich auf die gefütterte Innenhülle und auf das Cover mit seiner Rückseite, während alles Weitere fehlt. Das Cover ist ein Einzelcover ohne Gatefold, dessen glänzende Oberfläche das Licht schön zurückwirft, und auf der Rückseite steht eine schriftliche Einschätzung zum Album, die dem Cover mehr Auskunft abgewinnt, als seine einfache Bauart erwarten lässt. Die gefütterte Innenhülle fasst sich gut an und erfüllt ihren Zweck vollkommen. Eine bedruckte Innenhülle fehlt ebenso wie ein Booklet, und auch Fotos oder sonstige Beigaben gehören leider nicht zum Lieferumfang, sodass über Kirk und sein Quartett außer dem Text der Rückseite nichts beiliegt.

Das Vinyl übernimmt die Sorgfalt, die man den Beigaben vermisst, denn die Platte liegt völlig plan und kommt so sauber aus der Hülle, dass sie keine Reinigung braucht. Auch die Nebengeräusche fallen sehr gering aus, ohne ganz zu verschwinden, und beim Mittelloch zeigen sich zwei kleine Abweichungen von der Perfektion, denn es ist minimal zu groß geraten und sitzt nicht ganz exakt in der Mitte. Am deutlichsten bleibt die Kante hinter dem Rest zurück, denn sie ist nicht so sauber gearbeitet, wie sie sein könnte, und fasst sich beim Greifen am Rand schärfer an, als es die übrige Qualität des Vinyls erwarten lässt.

Die Platte läuft bei diesem Hören an einer abweichenden Kette, denn als Vorstufe dient die Einstein The Preamp und als Phonoverstärker die Einstein The Phonostage, und das Bild, das sich von Kirks Quartett ergibt, entscheidet zuerst darüber, ob die Erwartung der Einleitung trägt. Es entfaltet sich ruhig von links nach rechts, und weil jede Klangquelle einen festen Platz hat, lässt es sich Instrument für Instrument abgehen.

Links sitzt das Klavier von Ron Burton, in Mono festgehalten und deshalb ohne jede Breite, sodass Tiefen und Höhen der Tastatur an einem einzigen Punkt zusammenfallen, statt sich über die Fläche zu verteilen. Im selben Bereich spielt Steve Novosel den Kontrabass, dessen Töne dort, wo beide Instrumente dieselben Lagen berühren, ineinander übergehen, und diese Überlagerung nimmt der Durchhörbarkeit einiges von der Feinzeichnung, die man hier gern hätte. In der Mitte steht Roland Kirk mit dem Tenorsaxophon und seinen weiteren Instrumenten, und weil es sich um ein Instrumentalalbum handelt, tritt sein Horn an die Stelle der Stimme. Rechts arbeitet Jimmy Hopps am Schlagzeug, ebenfalls in Mono aufgenommen und ohne Breite, sodass das Schlagzeug in sich vollständig übereinander liegt und selbst ein Instrument mit mehreren Trommeln und Becken als geschlossener Block an einer einzigen Stelle steht.

Für die Räumlichkeit bedeutet das, dass sie weit hinter ihren Möglichkeiten zurückbleibt, und die Weite, die eine Stereoaufnahme dieses Formats in Aussicht stellt, schrumpft auf eine schmale Anordnung, in der jeder Musiker an seinem Ort bleibt und keiner den Raum um sich öffnet. Der Detailgrad reicht dennoch aus, um die einzelnen Instrumente in ihren Konturen zu verfolgen, solange sie nicht in denselben Lagen zusammentreffen, und wo sie zusammentreffen, hilft auch genaues Hinhören nur bedingt, während die Mitte alles trägt, was dieses Bild an Gewicht besitzt, und die Ränder kaum mehr als Andeutungen bleiben.

Bei der Ortbarkeit steht die Wiedergabe besser da, denn jedes Instrument lässt sich gut verorten, und nur die Mitte gerät im Titel „Fly by Night“ ein wenig in Bewegung, weil sie zeitweise wandert.

Im Bass hält die Pressung das Instrument gut unter Kontrolle und schön trocken, sodass jeder Ton dort endet, wo er enden soll, bremst aber seinen Tiefgang ein, und da sich der Bassist in manchen Titeln nur diffus verorten lässt, wirkt der untere Bereich insgesamt ein wenig zu zurückhaltend abgestimmt. Der Hochton steht dem gegenüber zu betont, und in den hohen Lagen, zu denen bei Kirk auch Flöte und Pfeife gehören, greift die Wiedergabe oft hart und harsch zu, wodurch sich die Balance über das gesamte Frequenzband spürbar nach oben neigt. Dass Bass und Hochton in ihrer Gewichtung so weit auseinanderliegen, prägt die Tonalität stärker als jede einzelne Stelle, und man hört diesen Unterschied oft genug, um ihn als Grundzug dieser Pressung zu verbuchen.

Die Mitten gehören zu den Stärken dieser Platte, und das ist folgerichtig, weil in diesem Bereich das Tenorsaxophon zu Hause ist, das Kirks Spiel trägt, und mit ihm Klarinette und Englischhorn, die er neben seinen übrigen Instrumenten führt. Die Mitten klingen rund im Ton, mit klarer Kontur und einem Druck, der jedem Ansatz Gewicht verleiht, und man hört ihnen an, wie natürlich sich ein Horn in diesem Register geben kann, wenn ihm die Pressung nichts in den Weg legt.

Auch die Dynamik hält, was die Mitten versprechen, denn die Attacken sitzen, und die Unterschiede zwischen laut und leise bleiben im Groben wie im Feinen hörbar. Am deutlichsten zeigt sich das in „Fly by Night“, dem Stück, das mir auf dieser Platte am meisten Freude macht, weil es schön nach vorn treibt und ein Basssolo enthält, in dem der Bassist rechts steht statt links. Über weite Teile des Hörens wippt mein Fuß dabei viel und treibend mit.

Kirk legt mit „The Inflated Tear“ ein Programm in ruhigerer Gangart vor, das im Blues und in der Groove-Tradition der mittleren Sechzigerjahre wurzelt und die nachdenklichere, ein wenig melancholische Seite des Musikers zeigt. Auf der ersten Seite wechselt er vom langsamen Eröffnungsblues „The Black and Crazy Blues“ zu Stücken für Flöte wie „A Laugh for Rory“ und „Fingers in the Wind“, und auf der zweiten folgt auf das Titelstück mit Duke Ellingtons „Creole Love Call“ das einzige Stück, das nicht aus seiner Feder stammt. Weil Kirk von Titel zu Titel zu anderen Instrumenten greift, bleibt das Programm musikalisch abwechslungsreich und über beide Seiten in Bewegung.

Die Ausstattung teilt sich in eine einzige gelungene Geste und eine Reihe von Lücken, denn die gefütterte Innenhülle verdient uneingeschränktes Lob, das glänzende Einzelcover genügt gerade so, und alles Weitere fehlt leider. Das Material steht besser da, denn Planlage und Sauberkeit sind makellos, Nebengeräusche und Mittelloch kosten nur kleine Abzüge, und einzig die Kante bleibt spürbar hinter dem Rest zurück, weil sie sauberer gearbeitet sein könnte.

Beim Klang liegt das Gewicht, und dort verteilt die Pressung ihre Gaben ungleich. Mitten und Dynamik verdienen Anerkennung, Auflösung und Abbildung liegen im Guten und tragen dort ihre Vorbehalte, die Überlagerung von Kontrabass und Klavier in der einen, die wandernde Mitte in der anderen, und auch Tonalität und Bass bleiben mit einem zu zurückhaltenden Tiefton und einem zu betonten Hochton unter dem, was sie leisten könnten. Beim Hochton selbst halten sich Kritik und gelegentliches Gelingen etwa die Waage, denn die Härte tritt oft auf, aber nicht durchgängig, und die Räumlichkeit verfehlt ihre Möglichkeiten so weit, dass von Lob keine Rede sein kann, auch wenn der Vorwurf sachlich bleiben soll.

Die emotionale Musikalität überzeugt, klanglich aber liegt mehr in diesem Album, als die Pressung hörbar macht, und angesichts des Alters der Aufnahme verstehe ich, warum es so ist. Ein Album, das in der Mitte so viel gewinnt und in der Breite so viel verschenkt, verdient beides zugleich, Zuneigung und Vorbehalt, und ich gebe sie in dieser Reihenfolge.

Ich empfehle diese Neuauflage jenen Hörern, für die eine Jazzplatte zuerst über Druck und Timing überzeugen muss und erst danach über ihre Räumlichkeit, denn in dieser Reihenfolge liefert diese Ausgabe, und sie verdient die Empfehlung trotz einer Ausstattung, die kaum mehr enthält als die Platte selbst. Sammlern, die ein Booklet oder Fotos erwarten, muss ich abraten, weil ihnen hier nichts davon begegnet, und wer seine Anlage vor allem an der Bühnenbreite misst, erhält von diesem Album wenig, woran er sie messen könnte.

Am Ende bleibt die Bühne, mit der die Einleitung begann, ein Vorbehalt, den das Alter der Aufnahme erklärt, und die Entscheidung fällt trotzdem für die Platte, die bei mir bleibt. Ich habe sie weder bestellt noch abgesprochen und rate dennoch zum Kauf, was in meinem Gewerbe als Ausweis von Unbestechlichkeit gilt, solange niemand nachzählt, wie oft mein Fuß dabei mitgewippt hat.