Vanessa Jung – Full Steel
WO DIE GITARRE DAS WORT ÜBERNIMMT
Ein Rockalbum ohne Gesang verlangt von seinen Instrumenten, was sonst eine Stimme leistet: Es muss den Hörer an der Hand nehmen, Spannung aufbauen und wieder lösen, und das allein mit Anschlag, Phrasierung und dem Atem einer Band, die im selben Augenblick zueinanderfindet. Kann eine Gitarre diese Aufgabe tragen, ohne dass dem Ohr irgendwann der Halt fehlt? Was bewegt eine Gitarristin, ihre Riffs ohne Sänger und ohne Worte auf eine Platte zu bringen? Wie viel von dem, was eine Band gemeinsam erzeugt, übersteht den langen Weg über Mischpult und Presswerk bis in die Rille?
Auf einer Veranstaltung von Sound.In.Grooves lernte ich die Wiesbadener Gitarristin Vanessa Jung und ihren Vater kennen, und die Gitarristin hatte eine White-Label-Pressung ihrer Musik bei sich. Beurteilen ließ sich der Klang dort nicht, denn weder die Hörumgebung noch die Stereoanlage gestatteten es: Verdeckungseffekte und Raumeinflüsse legten sich über das Musiksignal und verfälschten es. Was diese Musik klanglich zu bieten hat, musste sich daher an anderem Ort erweisen.
An einer Analogkonsole entstand der Mix dieses Albums, im Hybridverfahren, denn das Editing besorgte Pro Tools, während der Mix selbst vollständig an den Reglern der Konsole geformt wurde. Nach dem fertigen Mix wurden die Regler verstellt, und seither lässt er sich nicht mehr genau reproduzieren. Was dort einmal gelang, bleibt damit einmalig, und ein Mix, der sich nicht wiederholen lässt, verlangt von der Pressung, ihn ohne Verluste zu tragen. An diesem Anspruch messe ich die Platte, sobald die erste Seite läuft.

TECHNISCHE DATEN
- Künstlerin / Album: Vanessa Jung – Full Steel
- Label: Vanessa Jung Records (Eigenverlag, Labelcode 103421)
- Katalognummer: nicht bekannt
- Aufnahme: März 2025 (Basic Tracks) und einige Wochen später (Lead-Gitarren, Gesang), Eckton Studios, Holzhausen im Taunus
- Erscheinungsjahr Original: 2026 (4. September 2026)
- Erscheinungsjahr diese Pressung: 2026 (Erstauflage)
- Presswerk: Optimal Media
- Produzent: Vanessa Jung und David Lippert
- Mixing: David Lippert (analog an der Konsole, Hybrid-Verfahren)
- Mastering: Tristan Eck
- Second Engineer: Theodor Henn
- Schnittquelle: nicht bekannt
- Vinylgewicht: 180 g
- Drehzahl: 33 1/3
- Mono / Stereo: Stereo
- Format: LP
- Auflage: Erstauflage von 300 LPs, daneben 300 CDs und 20 White-Label-Pressungen
- UVP: 30 € (LP), 40 € (White Label)
- Besetzung: Marc-Kevin König (Schlagzeug), Joshua Hoffmann (Bass), Vanessa Jung (Rhythmus- und Lead-Gitarre), Josefin of Stealth Kid (Gesang in „Child of the Night“)
- Titelliste Seite A: 1. Astronomy Lessons, 2. Real Time, 3. Mobula Ray, 4. Lights Out
- Titelliste Seite B: 5. It Lives!, 6. Yllon, 7. Child of the Night, 8. Full Steel

KÜNSTLER, ALBUM UND EINORDNUNG
Im örtlichen Vinyl-Antiquariat, in das sie ihren Vater schon im Kinderwagen begleitete, nahm Vanessa Jungs Verbindung zur Schallplatte ihren Anfang. Später saß sie beim Spielen im elterlichen Wohnzimmer vor Regalen voller Platten, in denen Metallica neben AC/DC und Iron Maiden stand, und daheim wie im Auto lief alles querfeldein, vom Rock bis zu Jazz und Klassik. Deshalb wollte sie ihr erstes Album unbedingt auf Vinyl machen, doch bis dahin führte ein langer Weg, der mit einer Gitarre begann.
Mit sieben oder acht Jahren begann sie, Gitarre zu spielen, und als sie ungefähr zwölf war, fragte ihr Vater, ob sie es nicht einmal mit einer E-Gitarre versuchen wolle. Kurz darauf entdeckte sie Guns N’ Roses, und Slash wurde einer ihrer ersten Gitarrenhelden. Mit 13 stand sie zum ersten Mal auf einer Bühne, über 300 Auftritte sollten folgen, und 2018 begann sie in Mannheim das Studium an der Popakademie Baden-Württemberg, jener Hochschule, die 2003 als erste ihrer Art in Deutschland gegründet worden war. Dort belegte sie im Bachelor und im Master das Hauptfach E-Gitarre, und sie war die erste Frau, die dieses Fach studierte, was sie selbst eher traurig findet.
Für die Bewerbung an der Popakademie brauchte sie ein eigenes Stück, das gitarristisch mehr verlangte als ein Popsong, und weil sich keine Stimme fand, die zu ihren Riffs passte, schrieb sie es ohne Gesang. So entstand „Mojácar“, ihr erster Instrumentalsong, der später als Single erschien und nicht auf diesem Album zu finden ist. In dieselbe Zeit fiel ein Konzert von Animals As Leaders im Jahr 2016, in dessen Vorprogramm Plini spielte, und es führte sie in die moderne Instrumentalszene, mit der sie bis dahin kaum in Berührung gekommen war.
Der Zusammenhalt der Stücke entstand bei ihrem Abschlusskonzert zum Master, das als Durchquerung verschiedener Lebensräume angelegt war, und hinter der Band stand für jedes Stück ein eigenes Backdrop. Den Weltraum wies sie „Astronomy Lessons“ zu und die Weiten des Ozeans „Mobula Ray“, das Titelstück „Full Steel“ führte in die Wüste, „It Lives!“ in den Dschungel und „Child of the Night“ in eine Großstadt bei Nacht. „Lights Out“ und „Real Time“ kamen erst nach diesem Konzert hinzu.
Im Jahr 2022 erschienen ihre ersten drei Singles, „Mojácar“, „Shakespeare Avenue“ und „Carved in Stone“, jede von einem Musikvideo begleitet, und parallel dazu stellte sie eine Live-Band zusammen. Anfang 2023 folgte der erste Auftritt, seit 2024 spielt die Band in ihrer heutigen Besetzung, mit Marc-Kevin König am Schlagzeug, Joshua Hoffmann am Bass, David Lippert an der Rhythmusgitarre und Vanessa Jung an der Leadgitarre, bei einzelnen Auftritten ergänzt durch Josefin of Stealth Kid, die „Child of the Night“ als Gastsängerin singt.
Im März 2025 bezog die Band für zwei Tage die Eckton Studios in Holzhausen im Taunus, ein Haus, das Tristan Eck leitet und das mit zwei Regien und vier Aufnahmeräumen auf 400 Quadratmetern selbst Chöre und Bigbands aufnehmen kann. Schlagzeug, Bass und Rhythmusgitarre spielten dort gemeinsam ein, statt Instrument um Instrument nacheinander, sodass die Musiker sich sehen und aufeinander reagieren konnten. David Lippert, der live die Rhythmusgitarre übernimmt, saß im Studio am Mischpult, die Rhythmusgitarre spielte Vanessa Jung selbst, und Theodor Henn half als zweiter Toningenieur beim Aufbau und Stellen der Mikrofone. Nur die Leadgitarren und der Gesang von „Child of the Night“ folgten wenige Wochen später in einer zweiten Session von zwei Tagen.
Wer dieses Album produziert hat, beschäftigte Vanessa Jung ernsthaft, denn das Wort trägt zwei Bedeutungen. Im klassischen Sinn ist Produzent, wer ein Album finanziert, auf den Weg bringt und organisiert, und das war sie, während man heute unter dem Wort eher die Person versteht, die die Audioproduktion durchführt, und diese Aufgabe lag vollständig bei David Lippert. Deshalb gelten beide als Produzenten. Ihr Ziel war ein Klang, der roh, organisch und lebendig wirkt statt glattpoliert und steril, und der Ansatz, gemeinsam im Raum zu spielen, gilt ihr auch als Gegenposition zu dem Trend der letzten Jahre, immer perfekter und maschineller auf dem Raster zu spielen.
Die Rhythmusgitarren der Basic Tracks liefen zunächst über einen Fractal FM3, die Leadgitarren, gespielt zu etwa gleichen Teilen auf einer Ibanez AR420 und einer Schecter Hellraiser C-1, über einen BluGuitar Amp1 im Classic Channel, der an einer Orange-Vierfachbox in einem eigenen Raum sehr laut gefahren und ganz gewöhnlich mit Mikrofon abgenommen wurde. Mit wenigen Ausnahmen schickte David Lippert danach auch die Rhythmusgitarren noch einmal durch diesen Verstärker, sodass auf dem fertigen Album überwiegend der Amp1 dominiert, und für einige Clean-Parts kam eine Stratocaster hinzu, die im Studio stand, weil die anderen Gitarren die klaren, glänzenden Höhen nicht in derselben Form lieferten.
Erschienen ist „Full Steel“ am 4. September 2026, und einen Tag später folgte das Release-Konzert in der Romanfabrik in Frankfurt. Ein Label stand nicht dahinter: Vanessa Jung plante das Album in Eigenregie und beschreibt es als eine Low-Budget-Produktion.

DIESE AUSGABE
Die Erstauflage von „Full Steel“ auf Vinyl umfasst 300 LPs, dazu kamen 300 CDs und zwanzig White-Label-Pressungen, und eine dieser zwanzig habe ich gekauft, weil mich die Musik vor Ort sofort gepackt hatte: treibende Kraft, wohin ich auch hörte. Die Platte, um die es hier geht, liegt mir als Rezensionsexemplar vor, und eine geschäftliche Verbindung zu Künstlerin oder Label besteht nicht.
Das Label heißt Vanessa Jung Records, gepresst wurde bei Optimal Media in Röbel an der Müritz, einem Werk, das 1991 den Betrieb aufnahm, zunächst mit CDs, seit 1995 auch Schallplatten fertigt und alle Arbeitsschritte der Vinylherstellung unter einem Dach vereint. Das Mastering besorgte Tristan Eck, dem auch das Studio gehört, in dem das Album aufgenommen wurde.

AUSSTATTUNG
Von der Hülle bis zur Nadel führt der Weg der Hand, und er beginnt bei einer Ausstattung, die dort schlicht bleibt, wo Aufwand ins Auge fiele, und dort Sorgfalt zeigt, wo sie der Scheibe dient. Das Cover trägt eine Collage aus verschiedenen Fotografien, die Luise Anna Heinig gestaltet hat, und gibt der Hülle damit eine eigene Handschrift, doch es kommt ohne Gatefold und ohne Prägung aus und bleibt ein einfaches Cover, dessen Ausführung keinen besonderen Aufwand verrät.
Die Scheibe selbst schützt eine gefütterte Innenhülle, die ihre Aufgabe ohne Einschränkung erfüllt und die Oberfläche der Platte vor Kratzern bewahrt. Bedruckt ist sie nicht, denn eine bedruckte Innenhülle gehört leider nicht zum Lieferumfang. Ein einzelnes, beidseitig bedrucktes Blatt ersetzt das Booklet, man wendet es einmal, und schon hat man Dankestexte, Credits und den Songtext von „Child of the Night“ vor sich, dazu Pressefotos von Bjarne Stahmer und Bilder der einzelnen Musiker. Aus der Aufnahmesession, deren gemeinsames Spiel im Raum das Album ausmacht, stammt leider keines dieser Fotos, und weitere Beilagen sind ebenfalls nicht im Lieferumfang enthalten.

MATERIAL QUALITÄT
Wer die Scheibe aus der Innenhülle zieht, hält ein Stück Vinyl in der Hand, das ein überwiegend gutes Zeugnis verdient und an einigen Stellen den prüfenden Blick nicht ganz besteht. Die Kanten sind nur mit Einschränkungen abgerundet, und die Scheibe zeigt eine Schüsselung, die geringfügig bleibt, sodass beides das Bild einer sonst sauber gepressten Platte nur mäßig trübt.
Auf dem Teller erweist sich das Mittelloch als minimal zu groß, und es sitzt dennoch überzeugend zentriert. Setzt die Nadel in der Rille ein, bleiben geringe Rückstände an ihr zurück, und ein dezentes Grundrauschen begleitet die Musik, aus dem sich sehr selten ein Tick oder ein Plop löst. Wie viel die Musik davon unberührt lässt, zeigt das Klangkapitel.
KLANGQUALITÄT
Die Bühne dieser Aufnahme öffnet sich links und rechts mit den beiden Rhythmusgitarren, während die Leadgitarre und die Bassgitarre die Mitte halten, und das Schlagzeug erscheint aus der Sicht seines Spielers: Die Snare liegt in der Mitte, die Hi-Hat halb links, das Standtom rechts, das Ride-Becken halb rechts, und die Crash-Becken öffnen sich nach beiden Seiten. Die Bühne besitzt Breite in reichem Maß, und gerade darin liegt mein Einwand, denn das Schlagzeug ist mir zu weit aufgezogen. Als Zuhörer möchte ich auf die Drums schauen und nicht an ihnen Platz nehmen, und eine kompaktere Darstellung wäre hier wünschenswert. Wie sich die einzelnen Trommeln in diesem weiten Feld behaupten, zeigt sich am deutlichsten bei den Toms.
Bei den Toms hört die Schärfe der Abbildung auf. Sie stehen halb links und halb rechts, doch ihr Ort lässt sich nur ungefähr bestimmen, während die übrigen Klangquellen ihre Plätze mit deutlich größerer Bestimmtheit halten. Die Abbildung verdient damit ein deutliches Lob, dem nur diese eine Einschränkung im Wege steht, und sie steht besser da als die Räumlichkeit, in der die Breite der Trommeln des Guten zu viel liefert.
Im zweiten Stück, „Real Time“, geben Schlagzeug und Bassgitarre den Blick auf eine kleine Unebenheit frei: Im Übergang vom Oberbass zu den unteren Mitten liegt ein schmaler Frequenzbereich, der eine Spur zu betont ist, und an diesen beiden Instrumenten lässt er sich am besten verfolgen. Alles Übrige verteilt sich so ausgewogen über das Frequenzband, dass die Platte auch bei hoher Lautstärke ihre Haltung bewahrt und sich für das laute Hören gut eignet. Die Tonalität verdient ein deutliches Lob, gemindert nur um diese eine Zone, und wie gut das laute Hören der Platte bekommt, wird sich am Ende der zweiten Seite erweisen.
Wenn die Snare anschlägt und die Toms folgen, bleibt die letzte Vehemenz aus, denn wo die Musik ein Fortissimo verlangt, erklingt ein Mezzoforte. Dem Schlagzeug fehlt der finale Druck, und die Dynamik als Ganzes verdient zwar ein gutes Zeugnis, ihr Abstrich sitzt jedoch am Schlagzeug.
Bei den Saiteninstrumenten verschiebt sich das Anliegen von der Wucht zur Zeichnung. Der Bassgitarre fehlt ein wenig Kontur, und dass diese Kontur möglich ist, beweist das Basssolo im Titelstück, in dem sie deutlich besser gelingt. Der Gitarre stünde noch mehr Griffigkeit und Kontur an, und die Bassqualität insgesamt verdient ein gutes Zeugnis, das ihre Kontur noch nicht ganz einlöst.
Über der gesamten Aufnahme liegt noch ein Schleier, den ich als Zuhörer gern wegziehen würde, um klarer auf die Musik zu sehen. Detailgrad und Durchhörbarkeit bewegen sich im guten Bereich, ebenso die Mitten und die Höhen, doch in keinem dieser Felder erreicht die Aufnahme schon jene Klarheit, nach der ich mich sehne.
Erst im siebten Stück, „Child of the Night“, tritt eine Stimme hinzu, und sie steht in der Mitte. Es ist die Stimme der Gastsängerin, und zum Schluss des Stückes gesellte sich eine Akustikgitarre dazu, die schon im Demo enthalten war und der Vanessa Jung eine kleine Lagerfeueratmosphäre verdankt. Die Stimme, die in diesem einen Stück zu hören ist, verdient ein gutes Zeugnis mit Einschränkungen und leitet über zum Titelstück, das die zweite Seite beschließt.
Am Ende der zweiten Seite, im Titelstück „Full Steel“, ordnet sich alles neu: Das Basssolo tritt zusammen mit dem Schlagzeug hervor, und die Bassgitarre gewinnt dort die Kontur, die ihr zuvor fehlte. Wenn dazu die dreckigen Gitarrenriffs einsetzen, verlangt die Musik von mir mit Nachdruck, ich möge lauter drehen, und die Tonalität erlaubt es ohne Weiteres. So endet das Erstlingswerk mit einer Passage, in der Bass, Schlagzeug und Gitarren den rohen, energiegeladenen Charakter erreichen, den die Musik von Beginn an verspricht.

MUSIKALISCHE EINORDNUNG
Die Gitarre übernimmt auf dieser Platte die Rolle des Gesangs, und die Stücke sind gebaut wie Lieder: Strophe, Refrain und Pre-Chorus, eine Bridge und danach das Solo, so wie Vanessa Jung sie im Kopf hat, während ein prägnantes Anfangsriff meist den Ausgangspunkt ihres Songwritings bildet. Ihre Musik bewegt sich im Spannungsfeld zwischen klassischem Rock und moderner Instrumentalmusik, mit Slash und Gary Moore als Vorbildern, die sie in eine eigene musikalische Sprache übersetzt statt zitiert.
Statt auf extreme Technikdemonstration setzt sie auf songdienliche Virtuosität, und das Höher, Schneller, Weiter der Instrumentalszene liegt ihr fern. Stücke, die langsam beginnen und sich hinten hinaus steigern, mochte sie schon immer, und im Titelstück wandelt sich unter demselben Riff der Drumgroove und mit ihm das gesamte Feeling, eine Idee, die sie von Pantera kennt.
BEWERTUNG
Wägt man die Punkte gegeneinander, so trägt der Klang das größte Gewicht, und er verdient ein Urteil, das überwiegend lobt und seine Einschränkungen klar benennt: Tonalität und Abbildung stehen an der Spitze und erhalten das deutlichste Lob, während Räumlichkeit, Dynamik und Auflösung, dazu Bass, Mitten und Höhen im guten Bereich bleiben, gebremst von einem Schlagzeug, dem Zurückhaltung in der Breite und letzter Druck fehlen, und von einer Aufnahme, die noch nicht die ganze Klarheit erreicht. Das Vinyl reicht an dieses Niveau heran, ohne es zu übertreffen, denn seinen guten Anlagen stehen kleine Abzüge gegenüber. Die Ausstattung bleibt hinter beiden zurück, weil sie einfach gehalten ist und allein in der gefütterten Innenhülle ihr volles Lob findet. So entsteht das Bild eines Erstlings, der überwiegend gut gelungen ist und dessen Einschränkungen sich klar benennen lassen.
FAZIT UND KAUFEMPFEHLUNG
Am Anfang stand die Frage, wie viel des einmaligen Mixes die Pressung trägt, und die Antwort lautet: sehr viel, wenn auch nicht alles. Die Gitarre trägt die Stücke ohne Stimme, und im Titelstück liefert sie den Beweis, dort, wo Bass, Schlagzeug und dreckige Riffs so zusammenkommen, dass die Musik nach mehr Pegel verlangt. Was Vanessa Jung bewegte, ihre Riffs ohne Worte auf eine Platte zu bringen, hat sich in einem Album beantwortet, das handgemacht klingt, roh und energiegeladen, mit dem Atem einer Band. Musikalisch hat sie mich, ich bin Fan, und vor dieser handgemachten Musik ziehe ich den Hut.
Ich hoffe, dass diese Platte erst der Anfang war, dass das nächste Album alle meine Einwände hinter sich lässt und wie Metallicas Black Album zu einem klanglichen Manifest der Rockgeschichte wird, denn weniger traue ich dieser talentierten Band nicht zu. Bis dahin empfehle ich die LP zur unverbindlichen Preisempfehlung von 30 Euro allen, die Rockmusik ohne Politur schätzen, und ich empfehle, beim Hören den Lautstärkeregler großzügig zu behandeln. Wer ein Schlagzeug von letzter Wucht und einen völlig klaren Blick auf die Aufnahme verlangt, sollte hineinhören und dann entscheiden. Sollte das nächste Album tatsächlich alle meine Kritikpunkte erledigen, werde ich selbstverständlich behaupten, ich hätte es der Band ins Studio diktiert, denn die Inanspruchnahme fremder Verdienste gehört zu den ältesten Gepflogenheiten meines Berufsstands.







