8. Oktober 2026 Magazin für Klangkultur - Über den Umgang mit Musik und der Art ihrer Wiedergabe.
LITTLE BIG BEAT STUDIOS
Reportage

LITTLE BIG BEAT STUDIOS

S. Deutsch Oktober 7, 2026 11 Minuten zu lesen

EIN UNSCHEINBARES TREPPENHAUS UND DARÜBER ZWEI ZOLL BAND

Ein Studio, das Musik vor Publikum aufnimmt und auf Zwei-Zoll-Band festhält, verspricht dem Hörer etwas Altes und Kostbares: den Augenblick, bis in die Rille der Schallplatte getragen. Kann ein Haus dieses Versprechen halten, wenn von der ersten Note bis zum Lackschnitt jeder Schritt unter demselben Dach bleibt, und welche Menschen stehen dort hinter den Bandmaschinen, hängen die Mikrofone auf und füllen den Raum mit Zuhörern? Was leistet die Kette aus SSL-Konsole, Studer-Maschinen und Neumann-Schneidemaschine dort, wo das audiophile Ohr zuerst hinhört, bei der Dynamik einer Aufnahme?

Am Anfang stand eine Videokritik. Ich hatte auf dem YouTube-Kanal von VINYL-CHECK im Format „Ausgepackt und Reingehört“ eine Rezension veröffentlicht, als sich Anika Prünster meldete, die bei den Little Big Beat Studios in Eschen für die sozialen Medien zuständig ist. Man hatte meine Kritik ernst genommen und lud mich ein, vor Ort zu erleben, wie dort gearbeitet wird und was Audiophile von einer Aufnahme erwarten. Das Haus übernahm die Kosten des Besuchs, eine geschäftliche Verbindung zu den Studios besteht nicht.

Zwei Tage standen bereit, der 2. und der 3. Oktober 2024, der eine mit einem Studiokonzert, der andere mit Gesprächen, und wer dieses Haus verstehen will, beginnt am besten bei dem Mann, dem es gehört.

  • Unternehmen: Little Big Beat Studios (Little Big Beat AG)
  • Ort: Eschen, Fürstentum Liechtenstein
  • Datum des Besuchs: 2. und 3. Oktober 2024
  • Anlass des Besuchs: Einladung
  • Ansprechpartner: Anika Prünster (Social Media), Manfred „Little“ Konzett (Gründer und Geschäftsführer)
  • Studiokonzert: David Helbock’s Random/Control feat. Fola Dada, 2. Oktober 2024
  • Gründung: 2000
  • Standort Eschen seit: 2013
  • Zweiter Standort: Weiler, Österreich
  • Leistungen: Aufnahme, Mischung, Mastering und Lackschnitt auf analoger Technik, Studio Live Sessions, Videoproduktion, Vinyl-Veröffentlichungen
  • Eigenes Label: loEnd Records
  • https://www.littlebigbeat.com

Little heißt Manfred Konzett seit Kindertagen auf dem Bauernhof, auf dem er aufwuchs, wo ihn seine Schwester als Jüngsten nach dem Little Joe der Fernsehserie Bonanza nannte. Mit dreizehn spielte er in seiner ersten Band und nahm seine erste Demokassette auf, und aus dem Proberaum wurde mit den Jahren zusehends ein Aufnahmestudio. Hinter dem Schlagzeug stand er mit Matt Boroff, mit der Band Mayfair und mit Stompin Howie and the Voodoo Train.

Im Jahr 2000 eröffnete er sein eigenes Studio Little Big Beat und begann, als Produzent zu arbeiten. Später gründete er das Label loEnd Records, und er arbeitete mit Toningenieuren und Produzenten zusammen, die für Peter Gabriel, Kate Bush oder Prince am Pult saßen, darunter Stuart Bruce, John Kelly und Hans Martin Buff. Neben den Räumen in Eschen führt er bis heute einen zweiten Standort im österreichischen Weiler.

Im Jahr 2013 bezog das Studio seine Räume in Eschen. Der große Aufnahmeraum war einst Teil des Tyrolis-Studios und wurde 1994 von dem in Los Angeles arbeitenden Schweizer Studioarchitekten Peter Grueneisen entworfen, im selben Jahr wie das Studio Little America des Produzenten Peter Wolf in Weiler. Als Little America schloss, rettete Little dessen Deckensegel, Türen und akustische Elemente und brachte sie nach Eschen, und erst Jahre später zeigten die Originalpläne, dass beide Studios aus derselben Feder stammten. Gemeinsam mit dem Akustiker Dirk Noy von WSDG wurden die geretteten Teile neu berechnet, abgestimmt und in den Raum eingefügt, sodass der Raum die Handschrift zweier Häuser trägt.

Aus dem Studio wurde ein Haus für Konzerte. Nach dem Umzug begann Little, Künstler live vor Publikum aufzunehmen, und im Herbst 2017 führte das Haus die Studiokonzerte ein. Bei den Studio Live Sessions spielt die Band mitten im Raum, die Zuhörer sitzen rundherum, und was geschieht, wird auf Band festgehalten, ohne Overdubs und ohne Korrekturen. Jede Session erscheint auf Vinyl, und inzwischen zählt das Haus mehr als hundert solcher Abende und über sechzig Schallplatten. Die Gästeliste reicht vom Schlagzeuger Simon Phillips über die Sängerin Judith Hill bis zu den Fantastischen Vier.

Am 2. Oktober 2024 stand David Helbock’s Random/Control feat. Fola Dada auf dem Programm. Der Pianist Helbock stammt aus Vorarlberg, studierte klassisches Klavier am Vorarlberger Landeskonservatorium und nahm Unterricht bei dem New Yorker Jazzpianisten Peter Madsen. Sein Trio Random/Control, mit Andreas Broger an Saxofonen, Klarinetten und Flöten und Johannes Bär an Blechblasinstrumenten, Schlagzeug und Stimme, hatte zuvor drei Alben veröffentlicht, 2010 und 2014 bei Traumton, 2018 bei ACT. Das zweite, „Think of Two“, widmete sich Thelonious Monk und Hermeto Pascoal, und der brasilianische Musiker war davon so angetan, dass er eigens für die Platte ein Stück in Brasilien aufnahm.

Helbock wollte seit Jahren eine Live Session in Little Big Beat spielen, und für diesen Abend lud er die Sängerin Fola Dada ein, Gedichte zu singen, die er vertont hatte. Fola Dada, in Stepptanz und Jazz Dance geschult, bildete mit dem Trio ein Quartett aus Stimme, Klavier und Effekten, Saxofonen, Klarinetten und Flöten sowie einem Arsenal aus Sousafon, Tuba, Trompete, Beatbox, Schlagzeug und Alphorn. Im März 2025 erschien die Session als limitierte transparente Ausgabe auf Vinyl, und auf ihr finden sich Titel wie „Never Lived“, „Song of a Dream“, „Truth“ und Madonnas „Like a Prayer“.

Früh am Morgen des 2. Oktober 2024 verließ ich den Taunus und fuhr nach Süden, und je weiter die Autobahn mich trug, desto näher rückten die Berge. Hinter der Grenze lag ein Fürstentum, das ich bisher nur von den Fotografien des Hauses kannte, das mich erwartete, und während die Kilometer vergingen, ordnete ich die Fragen, die ich mitgebracht hatte: was ein Studio, das vor Publikum spielen lässt, der Spielfreude und Dynamik einer Aufnahme schuldet und ob es diese Schuld begleicht. Die Adresse, Essanestrasse 164 in Eschen, verriet darüber nichts.

Von außen verrät das Haus wenig. Die Fassade bleibt unscheinbar, und auch der Weg durch den Eingang und ins Treppenhaus verspricht noch nichts von dem Charakter, den man aus schönen Fotografien und Videos kennt. Für das Gewicht von Flügeln, Schlagzeugen und Bandmaschinen steht im Haus ein Lastenaufzug bereit, der rund 1.000 Kilogramm trägt, ich selbst nahm die Stufen, und mit jedem Absatz wuchs die Neugier.

Erst im ersten Stock ändert sich das Bild. Eine Sammlung alter audiotechnischer Schätze steht dort neben den Erzeugnissen des Hauses, den Schallplatten, Tonbändern und dem Merchandising, und wer genauer hinsieht, findet auch Sessions als Masterband mit Booklet. Den Raum zu durchqueren, dauert nicht lange, und man verlässt ihn mit dem Eindruck, dass hier jemand Dinge aufbewahrt, weil sie ihm etwas bedeuten.

Hinter der Sammlung öffnet sich der Empfangsbereich mit Terrasse und Bar, und hier begann, was ich an beiden Tagen nicht mehr verlor: das Gefühl, willkommen zu sein. Man nahm mich herzlich in Empfang, und von diesem Punkt aus führt jeder Weg in die Räume, auf die es ankommt. Hier betritt man ein Haus, das seine Gäste als Gäste behandelt.

Die Tour führte mich durch den Technikraum in den Regieraum, und dort stehen ein SSL-Mischpult mit 48 Kanälen und mehrere Studer-Bandmaschinen, darunter die Maschinen, die jede Session mitschneiden. Hier entsteht Musik an einer analogen Konsole auf analogen Bändern, und die Sessions werden an diesem Pult live gemischt. Die Wände des Raumes bestehen aus Beton, und vom Pult aus ist es nicht weit in den Raum, für den all dies gebaut ist.

Der Aufnahmeraum misst rund 15 mal 15 Meter und reicht fast 4 Meter hoch, und er lässt der Band Platz in der Mitte und den Zuhörern rundherum. Entlang des Rundgangs zeigt sich, womit er gefüllt werden kann. Die Mikrofonsammlung zählt Neumann-Modelle wie das M 50 und das U 47, dazu Bändchenmikrofone von beyerdynamic und Geräte von Sennheiser und Austrian Audio, und unter den Instrumenten stehen ein Steinway-Konzertflügel, eine Hammond-Orgel mit Leslie und ein Rhodes-Piano, dazu sieben Schlagzeuge, darunter Ludwig-Sätze aus den Jahren 1964 und 1965.

Was Little und sein kleines Team an Sorgfalt aufbringen, erschließt sich erst, wenn man hinter die Kulissen blicken darf, und der letzte Raum des Rundgangs steigert diesen Eindruck noch. Der Magic Room kommt zuletzt, und in ihm schließt sich der Kreis. Schallplatten umhüllen den Raum von allen Seiten, dazu steht eine Neumann-Schneidemaschine in ihm, und was ich sehe, hat mit einem gewöhnlichen Aufnahmestudio wenig gemein: Es ist eine musikalische Stimmung, die mich sofort in ihren Bann zieht.

Entstanden ist er 2021, als Little zwischen Kartons und einem riesigen Paar Tannoy-Lautsprecher im größeren der beiden Regieräume saß und beschloss, daraus einen Hörraum zu machen. Er wusste als Schlagzeuger, der vor Bücherregalen gespielt hatte, dass viel Papier der Akustik guttut, und als er seine Pläne dem Liechtensteiner Unternehmer und Freund des Hauses Arthur Gassner erzählte, bot dieser ihm einen Teil seiner Plattensammlung als Leihgabe an. Gemeinsam mit dem Architekten Thomas Burtscher entstand der Raum, und binnen weniger Tage kamen nahezu 50.000 Langspielplatten ins Haus. Ein Akustiker prophezeite, dass Wände aus Schallplatten nie funktionieren würden, doch Little vertraute seinem Gefühl, und mit verdeckten Absorbern, Bassfallen und Deckendiffusoren tragen die Platten heute zu einem Hörraum bei, in dem Testpressungen und Mischungen geprüft, Lackfolien geschnitten und Gäste bewirtet werden.

Neumann-Lautsprecher in Stereo und Mehrkanal, insgesamt neunzehn an der Zahl, vervollständigen die Anlage, und durch eine große, schalldichte Scheibe fällt der Blick in den Aufnahmeraum, sodass die Entstehung der Musik und ihr Genuss nur eine Glasfläche voneinander entfernt liegen. Dahinter würde am Abend die Band stehen, deren Probe mich erwartete.

Danach durfte ich den Proben beiwohnen. Der angrenzende Aufnahmeraum, in dem ich kurz zuvor noch Mikrofone und Instrumente betrachtet hatte, wurde zum Arbeitsplatz der Musiker, Soundcheck und Probe folgten aufeinander. Alles, was dazu gehört, von der Betreuung der Künstler bis zur Nachbearbeitung, zum Mastering und zum Lackschnitt, bleibt in diesem Haus und in den Händen eines kleinen Teams, und diese Dichte an Arbeitsschritten bei so wenigen Köpfen lässt mich fassungslos und sprachlos zurück.

Am Abend füllte sich der Raum, und mein Platz lag links hinter dem Klavier, im Kreis der Zuhörer, der die Band umschloss. Fola Dada sang, David Helbock spielte Klavier und bediente die Effekte, Andreas Broger blies Saxofone, Klarinetten und Flöten, und Johannes Bär hatte Sousafon, Tuba, Trompete, Schlagzeug und Alphorn zu verwalten und steuerte dazu Beatbox bei.

Ich durfte meinen Anteil zur weniger komprimierten Dynamik dieses Abends beisteuern. Was hier entstand, hing an vier Musikern, an einer Konsole, an Bandmaschinen und an einem Raum, dem man die Sorgfalt seiner Erbauer ansah.

Der 3. Oktober gehörte den Gesprächen. Wir sprachen über Musik, über Aufnahmetechnik und darüber, wie Audiophile ihre Musik genießen und wie sich das mit den Gewohnheiten jener Hörer verträgt, die keine audiophilen Ansprüche stellen. Alle Beteiligten waren zugänglich, wir begegneten einander auf Augenhöhe, und der Austausch bereitete beiden Seiten viel Freude.

Was mir an beiden Tagen begegnete, folgte einer klaren Rangordnung. An erster Stelle steht das Herz für die Musik und ihre Interpreten, dann kommen das Publikum und die Zufriedenheit der Kunden, und erst an letzter Stelle das Geld, das ein Haus dieser Art braucht, weil investiert werden muss und jeder im Team satt werden will. Als Triebkraft habe ich es zu keinem Zeitpunkt erlebt, es bleibt das notwendige Übel, denn im Kern geht es um die Kunst und die Freude an ihr.

Das erklärt, warum die Aufnahmen des Hauses auf die breite Masse der Musikliebhaber zielen und nicht auf das audiophile Publikum. Sie sind gut, als audiophile Höhepunkte verstehen sie sich jedoch nicht, und ob jede Veröffentlichung einer sein muss, bleibt eine berechtigte Frage. Auf die Frage nach der Dynamik antwortet das Haus mit einem Abend wie dem mit Random/Control, und die Antwort lautet, dass die Kette aus Konsole, Band und Schneidemaschine mehr hergibt, als die meisten Veröffentlichungen von ihr verlangen. Die technischen Voraussetzungen sind vorhanden, man müsste sie nur nutzen, die Zielgruppe müsste die Platten kaufen, und vielleicht ergibt sich eines Tages eine Einladung, gemeinsam mit VINYL-CHECK an einer audiophilen Ausgabe zu arbeiten.

Little Big Beat ist eine Erfahrung, die jeder einmal gemacht haben sollte: Hier entsteht Musik, man ist live dabei, und das in einem Umfeld, das freundlicher und zuvorkommender kaum sein könnte. Wer die Gelegenheit hat, sollte einen Abend in diesem Haus verbringen, und ich verlasse es mit den besten Empfindungen für das Team und seine Leistung und wünsche allen, dass uns dieses Studio noch lange erhalten bleibt. Sollte die audiophile Ausgabe je Wirklichkeit werden, bespreche ich sie mit der gebotenen Strenge, sofern man mich nach diesem Text noch die Treppe hinaufließe.