Ondekoza – Fujiyama
EIN BERG AUS LEDER, HOLZ UND ATEM
Es gibt Schallplatten, die man auflegt, und es gibt solche, für die man das Hörzimmer ausrichtet. „Fujiyama“ von Ondekoza gehört zur zweiten Sorte: ein Ereignis, das im Mietshaus als Ruhestörung, im wohlgebauten Hörraum hingegen als Naturschauspiel verbucht wird. Das 1969 auf der Insel Sado gegründete Trommelensemble nahm das Album im April 1997 in Tokio und Yamanashi auf, vollständig analog und auf Band. Nun erscheint es als UHQLP-Edition von Modern Audio, im Halbgeschwindigkeitsverfahren in den Abbey Road Studios geschnitten, auf 180-Gramm-Virgin-Vinyl gepresst und auf tausend nummerierte Exemplare limitiert. Die Erwartung an diese Pressung richtet sich weniger auf bloße Lautstärke als auf die Frage, ob das Leise, das Leder und die Luft dazwischen den Weg in die Rille gefunden haben.

TECHNISCHE DATEN
Künstler / Album: Ondekoza – Fujiyama (富嶽百景 / Fugaku Hyakkei)
Label: Modern Audio Ltd (UHQLP-Reihe); Originalveröffentlichung: JVC / Victor Entertainment
Katalognummer: UHQLP3115 (Barcode 4893524331158)
Erscheinungsjahr Original: 1997
Erscheinungsjahr diese Pressung: 2024
Presswerk: nicht bekannt (laut Label: Pressmaschine deutscher Bauart unter Aufsicht der AQCD Technology Company)
Produzent: Isamu Senda, Shigeru Kurokoji, Den Tagayasu (Originalproduktion 1997)
Mixing: Hideo Takada (Aufnahme und Mix 1997, Victor Aoyama Studio 202, Tokio)
Mastering: Miles Showell, Half-Speed-Mastering, Abbey Road Studios, London
Vinylgewicht: 180 g
Format: Doppel-LP, 33⅓ UpM, Stereo, Gatefold; Super-Clarity-Virgin-Vinyl, One-Step-Verfahren; nummeriert, limitiert auf 1.000 Exemplare; mit Booklet (nur japanisch), Fotografien, Mastering-Zertifikat und OBI-Streifen
UVP: 144,00 € (Angabe Sieveking Sound)

KÜNSTLER UND ALBUM IM HISTORISCHEN KONTEXT
Als Den Tagayasu 1969 auf Sado junge Frauen und Männer um sich versammelte, war er selbst kein Taiko-Spieler. Er löste die Trommel aus dem dörflichen Festzyklus und stellte sie auf die Bühne. Die Mitglieder lebten gemeinsam in einem alten Schulhaus, studierten neben Taiko auch Shamisen, Koto, Minyō und Tanz, und der Tag begann mit einem Lauf vor dem Frühstück. 1975 debütierte die Gruppe in Nordamerika; in Boston spielte sie im Ziel des Marathons, den sie zuvor selbst gelaufen war. Nach der Spaltung von 1981, aus der auf Sado Kodō hervorging, führte Den den Namen Ondekoza mit neuen Mitgliedern fort.
„Fujiyama“, im Original „Fugaku Hyakkei“ – Hundert Ansichten des Fuji, ein Titel, den auch Hokusais berühmtes Holzschnittwerk trägt –, entstand im April 1997 im Victor Aoyama Studio in Tokio und in der Minobu General Arts Hall in Yamanashi. Als Produzenten zeichnen Isamu Senda, Shigeru Kurokoji und Den selbst, der im April 2001 bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam. Aufgezeichnet wurde auf einer 24-Spur-Maschine vom Typ Studer A820, gemischt auf einer 1-Zoll-Studer C37. Myles Astor zeichnete die Neuauflage 2025 in den Writers’ Choice Awards von Positive Feedback aus.

DIESE AUSGABE
Die Edition erschien am 20. März 2024 bei Modern Audio Ltd. in der Reihe der Ultimate Hi-Quality LP. Miles Showell schnitt die Lacke im Halbgeschwindigkeitsverfahren in den Abbey Road Studios: Die Schneidemaschine läuft mit halber Drehzahl und verschafft dem Stichel doppelt so viel Zeit für die feinsten Modulationen. Gepresst wurde auf neu formuliertem Virgin-Vinyl mit dem Namen Super Clarity, und zwar im One-Step-Verfahren, bei dem der erste, unmittelbar vom Lack galvanisierte Stamper – der sogenannte Vater – die Platten presst, statt der üblichen dreistufigen Galvanik. Die Auflage ist auf 1.000 nummerierte Exemplare begrenzt. Als Vinyl war „Fujiyama“ zuvor bereits 2021 bei Enrich Music erschienen.

AUSSTATTUNG
Das Gatefold-Cover ist von großer Schönheit und gibt der Doppel-LP den Rahmen, den ein Werk dieses Gewichts verlangt; beide Platten erhalten darin den gleichen Auftritt. Die Innenhülle ist gefüttert, wie es sich für Vinyl dieses Ranges gehört, und tadellos ausgeführt. Ein Booklet liegt bei und ist einwandfrei verarbeitet, allerdings ausschließlich in japanischer Sprache abgefasst; wer ihrer nicht mächtig ist, blättert und schaut, ein Verzicht, den wir mit Fassung tragen, denn hier soll ohnehin gehört werden. Auch Fotografien sind enthalten, wenngleich es der Anzahl nach gern mehr hätten sein dürfen. Als Sonderausstattung kommen ein Mastering-Zertifikat und ein OBI-Streifen hinzu, beide in makelloser Verfassung; letzterer gehört zur japanischen Herkunft dieser Edition wie der Rahmen zum Bild. Das Zertifikat gibt dem Sammler etwas Schriftliches in die Hand, der Streifen löst ein, was eine Japan-Edition an Sammlerästhetik verspricht. Eine bedruckte Innenhülle ist dagegen leider nicht im Lieferumfang enthalten.

MATERIALQUALITÄT
Beim Vinyl selbst zeigt sich ein Bild mit hellen und weniger hellen Stellen. Die beiden Platten liegen plan auf dem Teller, was bei einer Doppel-LP mit Seitenlängen von bis zu gut sechzehneinhalb Minuten keine Selbstverständlichkeit ist, und sie präsentieren sich in sauberem Zustand. Das Mittelloch, die Visitenkarte jeder Pressung, hat die richtige Größe; bei der Zentrierung fällt das Urteil gut, aber nicht makellos aus, denn der Tonabnehmer pendelt beim Abspielen geringfügig seitlich, ein Zeichen für eine minimal außermittige Bohrung, die man bei einem Objekt dieser Preisklasse lieber nicht antrifft. Die Kanten sind etwas scharf geraten; von einer Edition dieses Anspruchs hätten wir hier eine sorgfältigere Ausführung erwartet. Schließlich sind schwache Störgeräusche zu vernehmen, vor allem dort, wo die Musik leise wird, und damit an der Stelle, an der das One-Step-Verfahren dem Label zufolge sein Versprechen vom geringsten Oberflächengeräusch einlösen soll. Hier bleibt Luft nach oben: Wer mit One-Step antritt, darf auch an der Rille gemessen werden, und an dieser Stelle fällt die Messung nüchtern aus. Kanten, Zentrierung und Nebengeräusche sind die Punkte, an denen sich diese Edition vom Ideal entfernt; alles Übrige am Vinyl bewegt sich zwischen gut und tadellos. Es ist eine Randbemerkung zu einem ansonsten sehr sorgfältig gemachten Artefakt, aber sie gehört in den Bericht.

KLANGQUALITÄT
Der erste Eindruck ist ein körperlicher, und er kommt ohne Vorankündigung. In Titel 1, Ondekobayashi, und in Titel 3, dem Titelstück Fujiyama, meldet sich eine Trommel von monumentalen Ausmaßen zu Wort, getragen von einem Bassfundament, das man weniger hört als am eigenen Leib erfährt. Die Plötzlichkeit, mit der sie einsetzt, hat Konsequenzen: Lautsprecherchassis können dabei an ihre Belastungsgrenze geraten und Schaden nehmen, im ungünstigen Fall irreparablen. Wer die Platte zum ersten Mal auflegt, wählt den Pegel behutsam, kennt die Belastbarkeit seiner Lautsprecher und nähert sich mit dem Regler in kleinen Schritten. Ondekoza spielt nach eigenem Anspruch an der Grenze des körperlich Möglichen, und die Dynamik dieser Pressung reicht diesen Anspruch ungeschmälert an den Hörer weiter.
Jedes Instrument erhält den Raum, den es braucht, um sich auszubreiten: die mächtigen Trommeln ebenso wie die kleinen, deren Felle vor jedem Auftritt bis zum Anschlag gespannt werden, eine Aufgabe, die die Kraft zweier Mitglieder verlangt. Das Ausgangsmaterial bietet dafür reichlich Reserven, denn aufgezeichnet wurde auf einer 24-Spur-Maschine vom Typ Studer A820 und gemischt auf einer 1-Zoll-Studer C37; der Halbgeschwindigkeitsschnitt führt diesen Weg ohne erkennbare Not fort.
Die Ortung der einzelnen Spieler gelingt in beiden Dimensionen, in der Breite der Bühne ebenso wie in ihrer Tiefe, und zwar mit einer Präzision, die staunen lässt. Wer weiß, dass Den Tagayasu die Trommel aus dem dörflichen Festzyklus auf die Bühne gestellt hat, hört hier eine Bühne, die dieser Geschichte gerecht wird: Sie ist groß genug für ein Ensemble, das sich nicht klein machen lässt.
Der Raum wirkt weit, sein Nachhall authentisch, und beides läuft nie Gefahr, das Direktsignal zuzudecken. Der Saal begleitet die Musik, statt sich vor sie zu schieben, was zu einer Aufnahme passt, die zum Teil in der Minobu General Arts Hall, einem Konzertsaal, und zum Teil im Victor Aoyama Studio in Tokio entstand; die Studiotage lagen zwischen dem 7. und 10. April 1997, der Tag in der Halle am 12. April.
Klanglich fügt sich alles stimmig und makellos sauber in die Musik. Der Bassbereich wird bis in Regionen ausgereizt, die dem Wiedergabesystem einiges abverlangen, und die Höhen folgen ihm auf gleichem Niveau; kein Frequenzbereich muss sich hinter dem anderen verstecken. Uns genügt dafür ein einziges Wort: vollkommen.
Die Dramaturgie der Plattenseiten stellt die Wiedergabe vor unterschiedliche Aufgaben. Seite A führt von Ondekobayashi über Yumigahama zum Titelstück Fujiyama, Seite B verbindet Hana ya koyoi no mit dem langen Mikuni, Seite C fügt Toto, Aun-Jamisen und Myoan zu einer Folge kürzerer Stücke, und Seite D gehört Monochrome II allein, gut sechzehneinhalb Minuten lang. Verlangt die vierte Seite Ausdauer, verlangen die anderen Wendigkeit von Stück zu Stück.
Als Gesamtbild bleibt ein Hörerlebnis von seltener Größe: eine Pressung, in der nichts fehlt und nichts vordrängt, und eine Aufnahme, die man ihrer Dynamik wegen mit Respekt behandelt und ihrer Klarheit wegen mit Freude.

MUSIKALISCHE EINORDNUNG
Im Werk der Gruppe, das mit „Ondekoza“ (1977) und „Ondekoza Live“ (1986) auf Tonträger begann, ist „Fujiyama“ ein Album der Summe. Es entstand zwischen der dreijährigen Lauf- und Konzertreise durch die Vereinigten Staaten, die 1990 bis 1993 in Carnegie Hall endete, und der 1998 begonnenen Marathontour durch China. Eigenkompositionen stehen neben Fremdwerken: Hana ya koyoi no verzeichnet Torazo Tamura als Komponisten und Takeki Owada als Textdichter, Myoan stammt von Seizan Matsuda, der Ondekoza nach Dens Tod führen sollte, und Monochrome II von Maki Ishii. Letzteres, 1976 als Auftragswerk in Berlin von Ondekoza uraufgeführt, verbindet Taiko-Tradition mit avantgardistischen Verfahren wie der Aleatorik und gilt als Klassiker des Taiko-Repertoires; Kodō bringt es 2026, fünfzig Jahre nach der Uraufführung, erneut auf die Bühne. Im Genre der Trommelensembles behauptet das Album damit eine eigene Position: die der Komposition, die neben der Kraft auch die Stille kennt.
BEWERTUNG
Im Gesamtbild dieser Ausgabe liegt das Gewicht eindeutig auf dem Klang: In sämtlichen geprüften Disziplinen – Dynamik, Auflösung, Abbildung, Räumlichkeit, Tonalität und im Gesamteindruck – erreicht die Pressung das Niveau des Makellosen. Die Ausstattung überzeugt auf ganzer Linie: Das Gatefold ist von großer Schönheit, die gefütterte Innenhülle tadellos, Booklet, Fotografien, Mastering-Zertifikat und OBI-Streifen runden das Bild vorbildlich ab; die japanische Einsprachigkeit des Booklets und die überschaubare Zahl der Fotografien sowie die fehlende bedruckte Innenhülle schlagen im Urteil kaum zu Buche. Beim Material zeigen Planlage, Sauberkeit und Größe des Mittellochs eine untadelige Verarbeitung, während die Zentrierung gut, aber nicht makellos ausfällt und die scharfen Kanten sowie die schwachen Störgeräusche bei leiser Musik hinter dem zurückbleiben, was man von einer Ausgabe dieses Anspruchs erwartet. So entsteht das Bild einer Edition, deren klangliche Substanz ihre handwerklichen Schwächen deutlich übertrifft.
FAZIT UND KAUFEMPFEHLUNG
Diese Pressung lohnt sich für alle, deren Anlage mehr kann, als man ihr im Alltag abverlangt, und die bereit sind, ihr das einmal ernsthaft nachzuweisen. Wer Taiko als Klangkunst versteht, findet hier eine Edition, die Dynamik, Auflösung, Raum und Klangfarbe auf höchstem Niveau vereint. Wer ein Booklet in einer westlichen Sprache oder makellos stille Rillen erwartet, sollte die genannten Einschränkungen kennen; wer Lautsprecher mit begrenzter Belastbarkeit betreibt, beginnt mit äußerster Vorsicht. Bei einem unverbindlichen Verkaufspreis von 144 Euro und einer Auflage von nur tausend Exemplaren fällt die Empfehlung dennoch eindeutig aus: zugreifen, solange die Nummern reichen – wir jedenfalls würden ungern erklären müssen, warum wir gezögert haben.








